Randnotizen – Das ganz normale Leben

bielefeld_mini

Zu Fußballern schauen wir auf, wir bewundern sie für Ihre Erfolge. Oder wir schauen hinab auf sie, machen sie für Niederlagen und unsere eigene Enttäuschung verantwortlich. Nur auf gleicher Augenhöhe sehen wir sie selten bis nie. Auch ich bisher nicht.

Deshalb brauchte ich am letzten Dienstag Morgen am Bielefelder Hauptbahnhof auch erst einen Moment, um festzustellen, dass ich nicht in einem Pulk Auszubildender der Deutschen Bahn stand – sondern inmitten der Lizenzmannschaft von Hertha BSC Berlin.

Es brauchte einen missglückten Pokalausflug und einen verspäteten Zug des Hauptsponsors, um die Normalität in meine Fußballwelt zu bringen, und um aus Superhelden und Versagern ganz normale Mitmenschen zu machen, die in der zugigen Bahnhofshalle auf ihre Verbindung warten:

Julian Schieber kämpfte am Kaffeestand mit dem Becherdeckel, Ronny wirkte mit seinem viel zu großen Sweatshirt wie ein Pubertärer, der die Schule schwänzt. Kalou lümmelte auf dem Medizinkoffer von „Apotheke Berlin“, Jens Hegeler nahm statt der wenigen Stufen lieber die Rolltreppe – und Jos Luhukay verschwand im Stehtischgewimmel vor dem Bahnhofsbäcker.

Wie oft hatte ich mir schon gewünscht, selbst Interviews mit Fußballern führen und sie intelligente – oder wenigstens interessante Dinge – fragen zu können. Jetzt hatte ich plötzlich die Möglichkeit – ließ sie verstreichen, und beließ es dabei, diese jungen Menschen zu beobachten. Mir taten die Hosogais und Krafts irgendwie leid. Letztlich wollten sie ja auch nur nach Hause. Wollten die Beine hochlegen, Playstation spielen und dabei Spezi trinken.

Außerdem fielen mir just nicht die entsprechenden tiefgründigen Gesprächsthemen ein. Es ist gar nicht so leicht, Fragen an so ganz normale junge Menschen zu formulieren.

Auf die Antworten will ich aber nicht verzichten, und so folgt nun mein Gespräch mit Kapitän Fabian Lustenberger – na ja, zumindest so, wie es am Dienstag hätte ablaufen können. Ein Gespräch ganz auf Augenhöhe und der beobachteten Situation entsprechend – und vollständig erfunden.

Frage: Herr Lustenberger, wenn Sie vorher gewusst hätten, dass Ihr Zug Verspätung hat, was hätten Sie dann mit der Wartezeit Besseres anfangen können?
Antwort: Wir waren ja schon überrascht, dass es Bielefeld und diesen Bahnhof überhaupt gibt. (lacht) Nun gut, der Witz hat einen so langen Bart wie Alexis Lallas. Also, wenn sie den noch kennen. Ich kenne ihn ja auch nur aus den Panini-Heften. Wie war gleich nochmal die Frage?

F: Hatte Team- und Freizeitmanager Michael Preetz denn keine Vorschläge, wie Sie die Wartezeit überbrücken können?
A:
Doch. Die interessieren mich aber nicht. Der hat uns den Quatsch mit der Bahn ja überhaupt erst eingebrockt. Außerdem ist der ja viel älter als wir. Und er trägt eine Woody-Allen-Brille. Auf so jemanden höre ich garantiert nicht.

F: Sie hätten ja während der Wartezeit in der Spielhalle gegenüber Ihr Glück probieren können. An den Konsolen sind Ihre Mannschaftskameraden ja meist recht geschickt.
A: Ich nehm‘ die Idee mal fürs nächste Auswärtsspiel mit, vielleicht können Jens (Hegeler, Anm. d. Verf.) und Julian (Schieber) auf die Weise ja mal wieder ein Erfolgserlebnis verbuchen (lacht).

F: Überhaupt, Sie können sich doch eigentlich über die 30 Minuten Verspätung freuen. Vor zwei Wochen wären Sie gar nicht mehr weggekommen.
A: Na hoffentlich nimmt sich die Spielergewerkschaft kein Beispiel an der GDL, sonst werde ich mich am Samstag Nachmittag so furchtbar langweilen. Ich weiß gar nicht, ob ich nicht auch Mitglied bei der GDL bin und dann mitstreiken müsste. Muss ich mal den Preetz oder den Kerl fragen, der immer so üppige Rechnungen schickt, wenn ich zu einem neuen Verein wechsle.

F: Wie finden Sie es überhaupt, dass Ihr Hauptsponsor vorgibt, wie Sie reisen.
A: Ach, ich will mich nicht beschweren. Wenn denn der Zug mal fährt, ist es doch gemütlicher als auf dem kalten Rasenboden. Und die Currywurst ist sogar günstiger als im Olympiastadion. Ich bin doch sehr froh, dass unser Hauptsponsor nicht Flixbus heißt. Wäre ja noch schöner, wenn ich mir mit betrunkenen Hertha-Fans die letzte Sitzreihe teilen müsste.

F: Reisen Sie eigentlich in der ersten oder zweiten Klasse?
A: Also wir haben einen leistungsorientierten Sponsoringvertrag mit der Bahn. Fahrkarten gibt’s entsprechend der individuellen Leistung. Also ich fahr schon öfters in der 1. Klasse. Marvin (Plattenhart) und Nico (Schulz) suchen aber gerade am Fahrkartenautomat noch drei Mitfahrer fürs Quer-durchs-Land-Ticket.

Frage: Vor dem Bahnhof habe ich Ihren Mannschaftsbus stehen sehen. Was macht  der eigentlich, wenn Sie jetzt alle mit der Bahn fahren?
Antwort: Der holt uns am Bahnhof Hannover ab und bringt uns dann nach Berlin. So profitieren alle: Unser Hauptsponsor glaubt, dass wir mit seinem Zug fahren. – Und wir kommen trotzdem heute noch nach Berlin.

Frage: Vielen Dank, Herr Lustenberger, für das kurzweilige Gespräch!