Gebete aus dem Mittelkreis – CL, Financial Fairplay und „kranker Fussball“

Gebete aus dem Mittelkreis

Nach diesem Champions League Spieltag jubilieren die teutonischen Medien. 4 Siege! Torrekord! Die Bundesliga ist mal wieder die stärkste und geilste Liga Europas. Und das sei auch gut so. Subtiler Nationalismus auf den bekannten Kanälen. Wir sind wieder wer! Was für ein bescheuertes Gesabbel.

„Europas Fussball ist krank“

Auf meinem heutigen Arbeitsweg ging mir, nachdem ich gestern, das gebe ich zu, mit Vergnügen Champions League geschaut hatte, das ewige Gerede vom Financial Fair Play durch den Kopf. Seit geraumer Zeit wird das ja gerne gefordert. Gerade vor dieser CL-Saison las man einiges über erste Sanktionen gegen die bösen Neureichen aus Paris und Manchester.

In Deutschland gibt es, nachdem Hoffenheim inzwischen zwar nicht geliebt, aber in der Liga geduldet wird, gerade in Bezug auf die 2. Liga wieder neue Diskussionen. Nicht ganz zufällig stehen der FC Ingolstadt und RB Leipzig im Moment in der Tabelle sehr gut da. Selbsternannte Fussball-Romantiker und Vereinsbosse einiger „Traditionsvereine“ ereifern sich in ständiger Regelmäßigkeit über die aktuellen Entwicklungen – selbst in Deutschland, also sowas! Skandal! Lassen Sie mich, lieber Leser, zunächst eines sagen: „Traditionsverein“ ist ebenso wie „Retortenclub“ keine, ich wiederhole: keine absolute Kategorie oder universale Wahrheit. Es ist maximal eine emotionale Aussage oder persönliche Befindlichkeit.

Aber lassen Sie uns den Bogen größer spannen, es war ja schließlich Champions League. Der Kolumnist Ivo Hrstic hat für das – für kritisch-investigativen Journalismus leidlich bekannte – Onlineportal Sport1.de nach den Ergebnissen in Rom (1:7), in Borrisow (0:7), London (6:0) und Madrid (5:0) diagnostiziert: „Europas Fußball ist krank.

Das Allheilmittel „Financial Fair Play“

Hrstic hat vollkommen Recht, wenn er am Beispiel der jüngsten Ergebnisse zeigt, dass eine Chancengleichheit im europäischen Elitewettbewerb schon lange nicht mehr gegeben ist. Es gibt die Superreichen, die eben Ergebnisse mit sechs oder mehr Toren Unterschied produzieren und sich ab der K.O.-Runde nur noch untereinander duellieren. Die Meister aus Belgien, den Niederlanden, Bulgarien oder anderen Ländern spielen da schon lange nicht mehr mit. Etwas komisch mutet allerdings an, dass Hrstic zu Beginn feststellt:

Wir erleben einen aufgeblähten Wettbewerb, in dem Mannschaften wie Borissow, Maribor oder Razgrad eigentlich nichts zu suchen haben sollten.

Wer wo etwas zu suchen hat, entscheidet zum Glück nicht Herr Hrstic, sondern die UEFA. Wie sie das entscheidet? Darüber kann man sicher streiten.

Nun wird ja gerne – insbesondere von süddeutschen Vereinsoberen, in deren Reihen sich Menschen befinden, die mit Geld, na, sagen wir, entspannt umgehen – gefordert, dass endlich diese vermaledeite Fair Play für die finanziellen Bereiche des gesamten europäischen Fussballs eingeführt wird. Doch wie fair ist das überhaupt?

Milchmädchenrechnen für Saubermänner

Nicht, dass wir uns missverstehen: klar bin ich dafür, dass man nur so viel Geld ausgeben sollte, wie man selber hat oder einnimmt. Das ist nunmal calvinistische Ethik und daran hat sich jeder immer und überall zu halten. Das sagt auch Meinungsführer Rummenigge.

Aber was heißt das? Das heißt eben, dass die Superreichen, die mit den Fernsehverträgen, den Werbetouren durch Asien und die USA, den Festgeldkonten und Champions League Prämien weiterhin den Löwenanteil der Gelder einstreichen. Die Borrisows, Maribors oder Razgrads haben 3 Monate Spaß und verdienen ein bisschen Taschengeld. Ernsthaft Konkurrenzfähig werden sie aber nie sein. Genausowenig wie Ajax, Anderlecht oder der AS Rom.

Das Zauberwort vom Financial Fair Play verschleiert lediglich, dass selbstredend ein exklusiver Club an Top-Clubs die eigene Vormachtstellung weiter zementiert. Neureiche Mitglieder unerwünscht – als gäbe es einen ehrenwerten europäischen Fussballadel, der die Nase rümpft über die eingeheirateten Fabrikanten, Oligarchen und Scheichs.

Scheinheiligkeit der Eliten

Auch hier möchte ich betonen: ich bin sicher kein Befürworter des zügellosen Kapitalismus, oder davon wie dieser mit all seinen Auswirkungen angeblich den „echten Fussball“ zerstört (die Wissenschaft streitet allerdings seit Jahren lebendig darüber, was „echter Fussball“ wirklich ist und wer diesen spielen kann – das darf natürlich nicht jeder!). Das System ist sicherlich krank, da gebe ich Herrn Hrstic recht.

Aber das Financial Fair Play ist weder Heilmittel noch rüttelt es am System. Die Forderung ist scheinheilig und lenkt vom elitären Habitus der führenden Funktionäre ab, die sich zu ehrlichen Maklern und Saubermänner stilisieren. Würde das Fair Play tatsächlich konsequent durchgezogen, profierte davon v.a. einer: Deutschland und die Bundesliga. Nicht etwa, weil hier immer ach so sauber gewirtschaftet wird, sondern weil die Bundesrepublik mit Abstand die stärkste Wirtschaft in Europa stellt und finanziell jedes Muskelspiel gewinnen würde. Das freut dann sicher genau die Medien, die darauf warten endlich wieder die deutschen Fussballhegemonie auszurufen…

Fussballkommunismus

Das Fair Play würde so alle verschuldeten, gesponserten und unterstützen Vereine zu Grunde richten. Das gilt übrigens die für die traditionsreichen Spitzenclubs aus Spanien, Italien und England genauso wie für die neureichen Vertreter aus allen Ligen.

Solange also nicht echte Gerechtigkeit und Chancengleichheit für alle UEFA-Vereine besteht – und radikal zu Ende gedacht hieße das: alle Teams in Europa haben das gleiche Budget und  es käme wirklich nur auf Kompetenz und Leistung an – solange ist das Mantra vom Financial Fair Play ein scheinheiliger Elitismus.

Daher fordere ich: Fussballkommunismus einführen! Jetzt! Weil das wahrscheinlich so schnell nichts wird, bleibt mir nur jedem Verein einen reichen Onkel oder eine reiche Tante zu wünschen. Oder eben ein bis vier Premiumwerbepartner. In Deutschland und Europa.